Poesie ist die wahre Poesie des Alltags

Einmal wieder tief in einem Buch über possible worlds versunken, schreckte ich neulich plötzlich auf als die Autorin, Marie-Laure Ryan, mir unter die Nase rieb, dass Gedichte keine fiktionale Welt entwerfen. Na, sowas, dachte ich mir, fest der Überzeugung, dass in jedem Kunstwerk eine Erzählung steckt, die in eine andere Welt entführt. Als ich jedoch näher darüber nachsann, kam mir langsam die Erkenntnis, dass sie Recht hat. Gedichte beschreiben ja nicht. Sie nutzen im Grunde die geballte und zusammengepresste Bedeutung von Worten. Sie lassen alles Überflüssige weg und kreieren auf diese Weise selten tiefgründige Figuren und Landschaften.

Man muss natürlich differenzieren. Balladen entwerfen schon eine erzählerische Handlung. Der Erlkönig zum Beispiel ruft Assoziationen einer Landschaft hervor, die Szenerie wird klar umrissen, es gibt einen nicht-personalen Erzähler. Und doch, auch hier trifft das Kriterium der schematischen Figuren zu. »Der Vater« und »das Kind« stehen  prototypisch für ihre für das Gedicht wichtigste Eigenschaft und werden nicht zu Figuren ausgefeilt. Auch die mystische Welt des Erlkönigs wird nur angedeutet. Sie steht eher für eine Art die Welt zu sehen, als das sie parallel zur Realität steht. Die unheimliche Atmosphäre ist die Sicht des fiebernden Kindes auf seine Umgebung.

Bei anderen Gedichten wird noch deutlicher, wie sie die Welt eher reflektieren, als eine neue zu schaffen. Denken wir an Benn oder Beaudelaire, die gerade in der Hässlichkeit der Welt Inspiration finden. Ihre Gedichte testen auch die Grenzen von Sprache aus. Sie experimentieren mit Sprachgewalt und Ästhetik. Dabei stehen elementare menschliche Erfahrungen im Mittelpunkt, wie z.B. der Tod. Ich würde sogar so weit gehen, dass solche Gedichte über die Sprache die tatsächliche Welt, die uns umgibt erforschen. Eigene Erfahrungen können ebenso Gegenstand der Verarbeitung in Sprache sein, wie die Umwelt des Dichters.

Da ich selbst nicht dichte und nur beschränkten Zugang zur Poesie habe, kann ich nicht wirklich abschließend behaupten, dass Dichter ihre Umwelt mit ihren Worten verarbeiten wollen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass hier ein entscheidender Aspekt ihrer Motivation liegt. Vielleicht begründet sich hier auch die leise Ehrfurcht, die mit der Bezeichnung »Dichter« einhergeht und die »Autoren« nur teilweise zukommt. Trifft dies zu, dann wären Poeten die wahren Poetisierer des Alltags.

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