Das Rätsel der Pseudonyme

Pseudonyme hat es wohl schon immer gegeben. In der Literatur sind sie ebenso beliebt wie in anderen Künsten und bei manchen Journalisten. Einge Schriftsteller haben (und hatten) sogar mehrere, so wie Kurt Tucholsky. Ich bin darum davon ausgegangen, dass es ebenso viele Abhandlungen geben müsste, die das pseudonymische Schreiben untersuchen, aber sehr zu meiner Enttäuschung hat die Wissenschaft hier so gut wie gar nichts festgestellt.

Dabei sind wir heute ausgesprochen häufig mit Pseudonymen konfrontiert. Jedes Blogportal lädt dazu ein, sich eines zuzulegen, nicht selten mit dazu gehörigem Avatar. Auch auf Autorenplattformen nutzen viele den Schutz des fremden Namens. Aber ist es nur das? Eine Art Schild gegen die Anfeindungen der Realität oder steht hinter dem Pseudo-Namen auch eine zutiefst literarische Eigenschaft?

Ich habe den Eindruck, dass ein Pseudonym weit mehr sein kann als nur eine Mauer der Anonymität. Es kann eine Facette der Persönlichkeit werden. Es kann vielleicht sogar dafür sorgen, dass das Autor-Ich mit dem literarische Alter Ego verschmilzt. Dies scheint mir vor allem der Fall, wenn der Deckname als literarische Figur auftritt. So kann man in aller Ruhe "Was wäre wenn"-Szenarios durchspielen. Da man sich mit einem Pseudonym wohl eher mehr identifiziert als mit einer Figur, tendiert man im Geiste dazu, die literarische Welt näher zu erleben. Man gibt mehr von sich hinein und bekommt mehr heraus. Das klingt jetzt etwas zu sehr nach psychologischem Schreiben, das muss es aber gar nicht sein, da es ja ums Erleben ebenso gehen kann wie ums verarbeiten.

Für Leser verschmilzt ein Pseudonym so sehr mit einem Autor, dass die Aufdeckung eines "wahren Namens" oft zur Überraschung wird. Das Schöne für den Schriftsteller ist, dass eine Trennung zwischen dem schreibenden Handwerker und Künstler und dem, was Kritiker und Interpreten daraus machen leichter möglich ist. Das Pseudonym gibt der Autorfunktion einen Namen und dem wahren Autor ein Argument der Verteidigung. Da ein Pseudonym wie eine Figur mit einem Charakter ausgestattet und nach Belieben ausgetauscht werden kann, kann es auch mit einer internen Logik versehen werden. Diese lässt sie nun einmal auf eine bestimmte Weise schreiben, das habe nur bedingt etwas mit demjenigen zu tun, der tatsächlich am Schreibtisch saß... Es wundert mich nicht, dass Michel Foucault, der viele dieser Ideen ins Leben rief und selbst manches Mal gerne wie tot hinter seinem Text verschwunden wäre, auch einmal das pseudonymische Schreiben ausprobierte (als Maurice Florence veröffentlichte er eine Kurz(auto)biografie).

Trotzdem ich mir, wie ihr seht, schon ein wenig den Kopf zerbrochen habe, was denn nun der Kern dieses Pudels sei, habe ich ihn noch nicht gefunden.

Wo ist der Unterschied zwischen:

Als Mareike auf die Straße trat, konnte sie nur knapp dem Blumentopf ausweichen, den ihre italienische Nachbarin nach ihrem treulosen Ehemann warf.

und

Als Tilly Tanz auf die Straße trat, konnte sie nur knapp dem Blumentopf ausweichen, den ihre italienische Nachbarin nach ihrem treulosen Ehemann warf.

oder vielleicht sogar

Als ich auf die Straße trat, konnte ich nur knapp dem Blumentopf ausweichen, den meine italienische Nachbarin nach ihrem treulosen Ehemann warf.

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