Schreibhemmung...

Was macht man eigentlich bei einer Schreibhemmung? Ich mein, das kennt ja nun jeder, der schon mal etwas verfasst hat. Ich selber habe die allergrößten Schreibhemmungen bei Urlaubskarten. Nein, wirklich, das ist nix für mich. Dabei bekomme ich natürlich wie jeder andere selber gerne Karten. Wenn ich aber welche schreiben soll, da kommt bei mir die totale Blockade, da geht gar nix mehr - astreine Schreibhemmung. Dabei ist doch so eine Urlaubskarte eigentlich der ideale Ort zum Poetisieren oder? Richtige Geschichten kann man da erfinden von Wellness und Kurschatten bis Abenteuer. Der minimale vorgegebene Platz sorgt für die nötige Verdichtung und schon haben wir den Innbegriff derselben: Dichtung! Oder? Wenn ich eine theoretische Arbeit verfassen muss (so wie ich das jetzt eigentlich tun sollte), so leide ich bisweilen ebenfalls unter Schreibhemmung. Da geht es dann aber nicht um das Schreiben an sich, sondern lediglich darum, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. In der Regel geht man ja mit allerhand theoretisch angeeignetem Vorwissen an so eine Arbeit und muss vor allem entscheiden, was wichtig ist. Gewichtung statt Dichtung... aus einer solchen Blockade gibt es nur einen Weg - einfach mal anfangen. Ich habe kürzlich die Entdeckung gemacht, dass einige Autoren, dasselbe machen, was ich grade mache, wenn sie eine Schreibhemmung haben, sie bloggen. Das ist übersichtlich, da muss man nur kurze Texte einstellen, da kann man jeden Tag ein bisschen weiter basteln und keiner erwartet die hohe Kunst darin. Da darf dann hemmungslos kommentiert, pointiert und poetisiert werden. Am Ende steht vielleicht die Idee für eine Geschichte, wenn nicht, hat‘s einem wenigstens die Zeit vertrieben. Ich frage mich manchmal, ob diese Autoren vielleicht besser mit ihrer Schreibhemmung zurecht kämen, wenn sie jeden Tag ein bisschen an einer Geschichte arbeiten. In einer überschaubaren Zeit hätten sie vielleicht einen Roman. Doch das Schöne am Bloggen ist ja diese Unmittelbarkeit, mit der man etwas schreiben und dann auch gleich öffentlich machen kann. Im besten Falle gibt es auch noch Reaktionen von Lesern, Kommentare, Anregungen, vielleicht die Idee für eine richtig gute Geschichte. Im Grunde ist bloggen ja auch bloß schreiben. Kann man also noch von Schreibhemmung sprechen, wenn man schon längst wieder (wenn auch anders) schreibt? Das Problem ist wohl, dass schreibgehemmte Blogger eben so schreiben, wie ich jetzt, nämlich selbstreflexiv. Das ist einfach kein Stoff für einen Roman, da wird zu viel gedacht und zu wenig getan. Da gibt es keine Figuren, keine Handlung, keine Dialoge. Das will doch niemand lesen! Oder?



Besser:



Wie so häufig saß Moni an ihrem Schreibtisch und starrte den Bildschirm an. Heute war noch nichts passiert, was irgendwie besonders oder erzählenswert wäre.

»Wie auch?«, sie seufzte »ich sitze ja bloß immer hier drinnen und erlebe ja gar nichts. Wie kann ich etwas poetisch beschreiben, wenn es das gar nicht gibt? Oder zumindest für mich nicht gibt.«

Ihr Blick fällt auf die Tableiste ihres Browsers. Jetzt nur mal eben die 5 neuen Tweets ansehen, schnell gucken, was die Freunde gerade als Status gemeldet haben und dann noch eben auf den Blog linsen. Wenn Moni jetzt dafür etwas schreiben sollte, könnte sie einfach etwas über den Film posten, den sie gestern im Kino gesehen hat oder kurz ihre Meinung zu dem Buch kundtun, das sie gerade liest. Sie kehrt zurück zu ihrem immer noch leeren Blatt.

»Karin hatte ihre Hand aufgestützt und seufzte. Sie hatte sich das Dasein als gefeierte Jungautorin aufregender vorgestellt. Heute zum Beispiel hatte sie den ganzen Tag damit verbracht in dem, was sie erlebt hatte, nach etwas Erzählbarem zu suchen. Nur leider hatte sie weder heute noch gestern noch am Wochenende wirklich etwas erlebt...«, schreibt Moni.

Der erste Satz gefiel ihr schon einmal gar nicht. Der hatte nichts von der Magie, die ein erster Satz nun einmal haben sollte. Außerdem passierte ja gar nichts in ihrem Text. Da war nur Langeweile. Sie hielt das Ganze für viel zu autobiografisch. Moni konnte nicht verhindern, dass sie schon wieder seufzen musste. Sie löschte die drei Zeilen und saß wieder vor dem weißen Blatt. Nach fünf Minuten stand sie auf, um sich einen Kaffee zu machen. Erst das Klingeln des Telefons riss sie ein wenig aus ihrer Lethargie. Vielleicht hatte ja einer ihrer Freunde etwas erlebt, das erzählenswert war...



Besser??



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4 Responses to Schreibhemmung...

  1. Vielleicht liegt es an meinem Job, aber eine Schreibhemmung kann ich bei großen und kleinen Texten überwinden, in dem ich es einfach durchziehe. Da ich jede Woche mindestens 4 Deadlines für fertige Texte habe, bleibt nicht viel Zeit zur Prokrastination (wozu natürlich auch das Bloggen zählt). Und vor allem muss man eine Person zum schweigen bringen: den inneren Lektor. Man bewertet die eigene Arbeit, bevor man sie überhaupt getan hat und das ist der Tod jedes Textes. Unzufrieden darf man hinterher sein, denn verbessern kann man immer. Schreiben ist, wie ich finde, mehr Arbeit als Muße. Das vergessen viele. Und wenn dann die romantische Vorstellung vom beseelten Erfassen von Eindrücken und Emotionen dahinschwindet, stirbt damit auch die Motivation. Et voila, c'est la Schreibhemmung!

    Was die Urlaubskarten angeht, kann ich dich aber voll verstehen. Meine Methode dabei: Ich sortiere das "Wichtige" mit Bauchgefühl. Ich gehe alle Erlebnisse und Eindrücke durch und schreibe etwas auf, wenn das Herz "Oh ja!" oder "Oh neiN!" schreit. Und das ist auch im Urlaub oft nicht viel - aber ich war ja auch seit 10 Jahren nicht mehr wirklich im Urlaub ;)

    Und nun zum Alltagspoetisieren: Ich weiß nicht, ob die reine Erfassung bestimmter Erlebnisse im Alltag reicht, um daraus auch ein literarisches Erlebnis zu machen. In den letzten Jahren gab es zu viele Autoren, die aus den größten Banalitäten ganze Romane destilliert haben. Die pure Langeweile, wenn du mich fragst. Kommt es dir deswegen manchmal so fad vor zu poetisieren? Zumindest meinte ich, dies aus deinem Eintrag herauslesen zu können.

    Ich kann dir da natürlich keinen allgemeingültigen Tipp geben. Aber ich liebe es Vignetten zu schreiben. Dabei handelt es sich auch um eine Form der Verdichtung, auch wenn der Text nicht kurz sein muss. Ich versuche dabei vor allem Empfindungen und Gefühle bis auf ihren Kern zu verdichten. Der ganze Text ist keine Handlung mit Figuren und dergleichen, er soll pures Gefühl vermitteln. Pures Gefühl werden. Und das Schöne daran: diese Form der Prosa oder vielmehr die Visualisierung des Gefühls braucht viel Farbe, Details und dergleichen. Das macht es - zumindest für den Autor - wieder zu einem spielerischen Akt.
    Und man addiert zu einfach Alltagssituation eine weitere Ebene hinzu: eine Metaphysik.

    Apropos, das wollte ich schon länger fragen: ist dieser Blog eigentlich als gemeinschaftliches Projekt gedacht? Oder planst nur du ihn zu befüllen?

    LG
    das Fräulein Jach ;)

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  2. Liebes Fräulein Jach,
    erstmal zu deiner Frage. Ich wünsche mir sehr, dass dies ein gemeinsames Projekt junger Autoren und Freunde der Sprache und Literatur werden kann. Angeregt dazu wurde ich nicht zuletzt durch deine auf Tumblr veröffentlichte Idee eines Autorenkollektivs. Eine Diskussion im Seminar, bei der mein Dozent mir entgegen hielt, dass kollektive Autorschaft wohl eher eine Spinnerei als die Zukunft der Literatur ist, weckte in mir den Wunsch, selbst auszuprobieren, ob hier tatsächlich eine Grenze des Mediums Internet liegt. Ich denke, dass man gemeinsam sehr kreativ sein kann. Ich sehe viel Potential in dem Austausch von Ideen und dem gegenseitigen "Aufputschen" gerade wenn es um Schreibhemmungen und den von dir so treffend benannten inneren Lektor geht. Da ich selbst noch nicht alle Funktionen von Blogger kenne, habe ich erstmal nur die Kommentarfunktion freigeschaltet. Ich freue mich aber über Anregungen und Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der Konfiguration.
    Liebe Grüße
    Mareike

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  3. Ich finde die Idee eines gemeinschaftlichen Projektes sehr gut - muss ich zugeben. Ich selber kenne das Problem "schreibhemmung" sehr gut bzw. erwische ich mich immer wieder in einem Kampf mit meinem inneren Schweinehund! :) Ich persönlich kann über den Alltag durch tolle Ideen zusammen spinnen....ob es nun die Menschen in der Bahn sind....oder das Lied, das ich gerade mir anhöre - überall liegt Inspiration. Ich fertige auch Notizen an, um die Ideen nicht zu vergessen - nur manchmal schaffe ich es nicht diese als Geschichte aufs Papier zu bringen. Deshalb habe ich damals meinen Blog ins Leben gerufen - quasi um mich selbst bissel zu motivieren. Gemeinschaftsprojekte sind - meiner Meinung nach - eine weitere gute Möglichkeit sich gegenseitig aufzuputschen. Ich hoffe...ich kann bald auch bei dir mal was produktives zu Tage bringen - in jedem Falle bin ich froh hier "Gleichgesinnte" zu treffen! :)

    LG Arzu - lady-redpassion.blogspot.com

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  4. Liebe Arzu,
    ich finde deinen Beitrag sehr produktiv! Eine gute Beobachtungsgabe ist etwas, was nicht nureinem selbst Spaß macht, sondern solche Geschichten können ja auch immer wieder Freunde zum Lachen bringen, wenn man sie ein bisschen "verdichtet". Es ist aber wirklich schwer, sie pointiert aufs Papier zu bringen, finde ich. Es gibt aber großartige Autoren, die genau das machen und uns geradezu automatisch einfallen. Du hast z.B. indirekt einen erwähnt, Fräulein Jach. Ich glaube nämlich, dass es Max Goldt war, der den Begriff Prokrastination geprägt hat. David Sedaris schreibt auch tolle Beobachtungsgeschichten. Auch Blogbücher gibt es ja zunehmend. Gerade dieses Jahr hat Sven Regener "meine Jahre mit Hamburg Heiner" veröffentlicht und es ist wirklich lesenswert. Nur, wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Banalität und Pointierung?
    LG Mareike

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