Malou

Malou stand am Flughafen und wartete. Nachdem Moni sie gestern aufgeregt angerufen hatte, um zuzusagen, war sie sogleich zur Reisevorbereitung zu ihrer Freundin gefahren. Sie hatten gemeinsam gepackt und Malou hatte ausgiebig Vorfreude geschürt. Sie hatte sich sehr bemüht, Moni die Reise schmackhaft zu machen und dabei geflissentlich verborgen, wie sehr sie die Aussicht erschreckte, allein reisen zu müssen. Nicht, dass Malou sich gefürchtet hätte, auf eigene Faust in das fremde Land zu fahren. Sie war nur nicht gerne für sich. Obwohl sie sich durchaus für eine auffallende und irgendwie auch interessante Person hielt, langweilte sie sich, sobald sie mit sich allein war. Sie wunderte sich sehr darüber, dass ihre Freundin es als Traumberuf ansah, den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen und möglichst nicht gestört zu werden. Sie wunderte sich auch darüber, dass die stille Moni geschafft hatte, woran sie selbst schon so lange arbeitete: Öffentlich als herausragend kreativ angesehen zu werden.
Auf die Gefahr hin, dass sie warten müsste, war sie sehr früh zum Flughafen gefahren und hatte dann, weil sie doch schnell langweilte, bereits eingecheckt. Die Möglichkeit, dass die zuverlässige Moni es sich vielleicht noch einmal anders überlegt hatte, kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie vertrieb sich die Wartezeit, indem sie zunächst durch die Flughafenladenstraße bummelte und sich eine Zeitschrift und Kaugummi kaufte. Dann setzte sie sich auf eine Bank und beobachtete auffallend interessiert wirkend ihre Mitreisenden. Da war eine Gruppe junger Hare-Krishna-Anhänger in orangefarbenen Kutten und mit bis auf einen schmalen Zopf am Hinterkopf glatt rasierten Schädeln. Sie saßen im Kreis auf dem Boden, hielten die Augen geschlossen und, so dachte Malou, meditierten.
Etwas weiter hinten in der Halle machte sie eine große indische Familie mit vielen Kindern aus. Doch auch diese Menschen waren nicht das, was Malou eigentlich suchte, die perfekten Gesprächspartner, um ihre Langeweile zu vertreiben. Schließlich kam ein gut aussehender Typ in ihre Richtung. Er war etwas zu alternativ gekleidet für ihren Geschmack, trug ein buntes Halstuch und lange Haare. Doch offensichtlich steuerte er direkt auf sie zu und in der Regel gefielen ihr Menschen am besten, denen sie gefiel. Sie versuchte also, ihren Blick noch aufmerksamer werden zu lassen und lächelte. Er erwiderte das Lächeln warmherzig und Malou begann sich auf ihren ersten Urlaubsflirt zu freuen. Moni fiel ihr erst wieder ein, als der junge Mann an ihr vorbei und geradewegs in die Arme seiner Freundin steuerte, die direkt hinter ihr saß.

»Sehr geehrte Passagiere des Fluges 08941 nach Mumbai/Indien, wir begrüßen Sie ganz herzlich und danken für Ihre Geduld. Wir bitten, die Gäste der Reihen 30 bis 15 einzusteigen.«

Malou sah sich um. Konnte es sein, dass sie Moni übersehen hatte? Sie warf einen Blick auf die Tickets. Platz 13F stand auf ihrem 13E auf Monis Ausdruck. Sie würden also erst beim nächsten Aufruf einsteigen müssen. Malou blätterte in ihrer Zeitschrift. Sie wurde nun doch ungeduldig. Um ihre Nervosität zu überspielen, ging sie noch einmal zur Toilette. Sicher würde Moni bereits auf dem Platz neben ihrem Rucksack sitzen, wenn sie wiederkäme. Ungeachtet der zur Vorsicht vor Taschendieben mahnenden Schilder ließ sie ihre Sachen hinter sich und folgte dem Ruf der Natur.
Als sie zurückkam, war dort immer noch keine Moni. Dafür hatten sich zwei junge Frauen auf den Platz neben sie gesetzt, mit denen sie zu plaudern begann. Eh sie sich versah wurden auch die vorderen Reihen aufgerufen, an Bord zu kommen. Moni war nicht aufgetaucht. Es war nie Malous Absicht, allein in dieses Flugzeug zu steigen. Wenn sie aber blieb, so hätte sie eine Menge Geld zum Fenster hinaus geworfen und sich dazu noch ziemlich blamiert. Die Flughafenmitarbeiterin hob an, den letzten Aufruf für die noch nicht eingestiegene Passagiere Schmidt und Fallenberg zu starten. Da stand Malou auf und ging zum Schalter.

»Meine Freundin müsste noch kommen, könnte ich ihr Ticket hier hinterlegen?«, bat sie die freundliche Dame und begab sich auf den Weg in das Flugzeug.

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