Gut und Böse

Der Kommentar, den Isa09 gestern zu meinen Gedanken über das Negative in der Literatur abgegeben hat, hat meinem Geist frisches Futter gegeben, das ich hier in einen neuen Diskussionsimpuls umsetzen möchte. Ihre Anmerkung beinhaltete, dass nie nur das Negative oder das Positive überwiegt, sondern, dass gerade die Zwischenbereiche interessant wären. Als Beispiel nannte sie Uwe Timms Roman »Halbschatten«, in dem genau diese Zwischentöne besonders bedeutsam sind. Daraufhin habe ich noch einmal meine eigenen Beispiele von gestern geprüft und festgestellt, dass sie Recht hat.

Humbert Humbert wäre wohl keine derart berühmte literarische Figur geworden, wenn er nicht ein Zwitterwesen aus Künstlertum und Abschaum wäre. Der hohe Geist verbindet sich mit niederen Trieben und unterliegt diesen über weite Strecken des Romans. Erst zum Ende hin, das habe ich gestern bereits erwähnt, erkennt er den Schaden, den er in Lolitas Kinderseele angerichtet hat. Auch Balram aus »Der weiße Tiger« ist nicht eigentlich böse. Er ist sogar ein herausragend loyaler Mensch, bis er entdeckt, dass das, was er heiliggehalten, ihn verraten hat. Später, als er über ausreichend Macht verfügt, kommt er zum Guten zurück. Ein äußerst beeindruckender Film, den ich gerade erst zum wiederholten Male sah, transportiert Ähnliches. In »City of God« ist »Locke, der Boss« gleichzeitig der schlechteste Mensch und (auf dem Höhepunkt seines Einflusses) der Beschützer seines Viertels. Auf diese Weise verlief gestern, nachdem ich Isas Kommentar gelesen hatte, mein Gedankenfluss. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr nur über das Negative in der Literatur nachdenke, sondern über die leicht anders gelagerten literarischen Kategorien von Gut und Böse.

Zu Beginn meines Masterstudiums habe ich mich schon einmal mit diesen Gegenpolen auseinandergesetzt bzw. wissen wollen, was die Ästhetik des Bösen ausmacht. Anders gefragt, was ist eigentlich das Schöne am Schlechten? Ich bin damals auf einen intererssanten Wendepunkt in der Literaturgeschichte gestoßen. Mit »Den Elixieren des Teufels« hat E.T.A Hoffmann erstmalig oder so, dass es erstmals auffiel, das Böse ins Innere des Menschen verlegt. War zuvor meist eine Personifikation des Schlechten anwesend, der Teufel z.B., so entstand mit dem Mönch Medardus in Hoffmanns Roman eine ambivalente Figur. Auch hier trifft geradezu der Innbegriff des Reinen, Guten, vielleicht sogar Heiligen, der Mönch, auf das Böse, triebhafte in seinem Inneren.

Zurück aber von der Literaturwissenschaft zur literarischen Praxis. Was kann man aus diesen Gedanken ziehen? Wie erreicht man die Ausformung einer ambivalenten Figur? Möchte der Leser überhaupt noch solche Figuren haben, oder sind wir längst wieder beim »Gut vs. Böse«-Schema gelandet? Wie immer bin ich auf eure Meinung und Erfahrung gespannt!

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3 Responses to Gut und Böse

  1. Das ist ein spannendes Thema, das erinnert mich an einen Essai, den ich mal über Daniel Kehlmanns 'Töten' geschrieben habe: http://isa09.wordpress.com/2010/12/11/essai-70-uber-das-bose-in-daniel-kehlmanns-%E2%80%9Etoten%E2%80%9C/

    In dieser Kurzgeschichte geht es um einen kleinen Jungen, der einen Stein von einer Autobahnbrücke auf ein Auto fallen lässt und einen Unfall mit tödlichem Ausgang verursacht (wenn ich das richtig in Erinnerung habe). Es geht aber auch um die Frage, was die Natur des Bösen eigentlich ist. In der Geschichte wird die These aufgestellt - so deute ich das jedenfalls -, dass das Böse eine Abwesenheit des Guten, ein Nichts also, ist.

    Ich denke, es gilt nicht nur für die Gegensätze 'Gut' und 'Böse', sondern für alle Gegensatzpaare (Oder lassen sich alle Gegensätze auf die Zuordnungen 'Gut' und 'Böse' zurückführen? Hmm, da muss ich noch mal drüber nachdenken...), dass das eine erst in Relation zum anderen sichtbar wird. Im Improvisationstheater gibt es eine Übung, in der man etwas sagt und das Gegenteil bewusst denkt. Also sagt man zum Beispiel "Ich hasse dich" und denkt dabei ganz bewusst "Ich liebe dich". Das bekommt sofort eine viel natürlichere, authentischere und tiefere Qualität.

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    1. Gerade habe ich zu diesem Aspekt einen Gegenteiligen Standpunkt in Form eines Bonmots von Wilhelm Busch gefunden - "Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt". Abgedruckt in dem popularphilosophischen Buch "Die Kunst, kein Egoist zu sein" von RD Precht, leitet es eine Passage ein, die danach fragt, ob dies zur Erklärung des Guten wirklich ausreicht. Ein interessantes Zusammenschweißen, das Precht vorschlägt, ist, sich vorzustellen, ob es das Gute unabhängig vom Menschen gebe. Platon stelle es z.B. Anhand der Sonne dar, die alles wachsen und gedeihen lasse, und darum gut sei. Für das Böse wäre vielleicht ähnliches denkbar. Beginnend mit der Frage, ob die Abwesenheit des Guten ausreiche, um das Böse zu erklären, und dann anschließend, der Gedanke, ob es ein Böses nur in Abhängigkeit von handelnden Figuren gibt...

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  2. Bei Hoffmann dominiert die Ambivalenz von Gut und Böse, als Zwiespiel der schöpferischen Kräfte im Menschen. An der Oberfläche mögen wir trennen, aber das ist nicht das Eigentliche, steigt man herab in die Tiefgründigkeit, findet man einen Raum der Unendlichkeit vor, der immer mehr Musik wird, desto näher man ihm kommt und immer mehr, jenseits von Gut und Böse, sein Lichtwerk vollzieht.

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