Das Negative in der Literatur

Mir ist heute eine Erkenntnis gekommen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Bisher habe ich immer gedacht, dass Poesie etwas Schönes ist, dass es den Alltag irgendwie bereichert und, dass man, indem man ihn literarisiert und besser macht. Bereits vor einigen Tagen begann dieses Bild in mir zu wanken. Ich las den modernen Klassiker Lolita. Eine Geschichte auf sehr hohem literarischen Niveau geschrieben. Es wird darin auch über (leider) alltägliches berichtet, einen alternden Mann, der sich zu kleinen Mädchen hingezogen fühlt. Irgendwie poetisiert er diese Neigung sogar, indem er den Missbrauch seiner Stieftochter als romantische Liebe umdeutet, erst zum Ende hin kommt Humbert Humbert die Einsicht, dass er sich etwas vorgemacht, ihr Leiden übersehen hat.

Erst heute wurde mir aber zur Gewissheit, was ich während der Lolita-Lektüre nur ahnte: Poesie und Literatur brauchen das Negative. Ereignisse müssen nicht besonders sein, um literarisch zu wirken, sie können auch einfach konfliktreich und dunkel sein. Das fängt beim schnöden Lovesong an, der erst durch die Erfahrung der gescheiterten Liebe die notwendige Atmosphäre verliehen bekommt und endet in der hohen Literatur, wie das Beispiel »Lolita« belegt. Überhaupt scheint mir das Versagen etwas zutiefst Literarisches zu sein (siehe dazu auch Petit Salon).  Heute konnte das ganze Land zusehen, wie unser ehemaliger Bundespräsident sein Scheitern eingestand und ich muss zugeben, dass die Literarizität dieses Moments mich ansprang. Ich musste an eine nicht weit zurück liegende Lektüre denken. In »Der weiße Tiger« von Aravind Adiga erzählt der Protagonist, wie er sich vom armen Dorfbewohner zum Hausangestellten eines Politikers mit ehrlicher Arbeit hocharbeitete. Erst als er erkannte, dass sein geliebter Herr in höchstem Maße korrupt war, begann er sein Schicksal auf andere Weise in die Hände zu nehmen und sich die Korruption seines Landes (Indien) zu eigen zu machen. Am Ende wurde er zu einem äußerst erfolgreichen Unternehmer. Von einem, über dessen Leben Andere bestimmten wurde er zu einem, der selbst bestimmen durfte. Hier steht das Scheitern für ein moralisches Verderben, welches auf finanzieller Ebene wieder zum Gewinn führt.

Aber nicht nur das Scheitern verbindet literarische Charaktere mit realen Vorbildern, auch die mangelnde Fähigkeit, ein Held zu sein, ist in der Gegenwartsliteratur gefragt. Humbert Humbert ist natürlich ein klassischer Antiheld, Balram aus »Der weiße Tiger« ebenso, der »Steppenwolf« Harry Haller und Oskarchen mit seiner »Blechtrommel« gehören auch zu dieser Charaktergruppe. Keine Literatur ohne Scheitern also? Kann man genauso gut literarisieren, indem man negative Szenarien entwirft, Alltagssituationen mit dem Drang zum Scheitern auflädt oder sich in moralisch zweifelhafte Personen hineindenkt? Bisher habe ich noch nicht die Zeit gefunden es auszuprobieren, aber vielleicht habt ihr ja schon einmal darüber nachgedacht oder damit herum experimentiert!?  

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One Response to Das Negative in der Literatur

  1. Vielleicht braucht es ja beide Extreme, das Positive und das Negative, damit sie sich in der Mitte treffen können und in diesem Zwischenzustand beide Facetten erahnen lassen. Wie in Uwe Timms 'Halbschatten'. Das Helle und das Dunkle, Licht und Schatten, treffen sich in der Mitte und bilden den Zwischenzustand des Halbschattens, in welchem die Dinge ihre 'wahre' Natur erst offenbaren können. Die 'Wahrheit' liegt vielleicht nicht irgendwo dort draußen, sondern irgendwo dazwischen?

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