Aggressive Attac

Es sind Tage wie diese, die es für Marlen schwer machen, an eine höhere Macht zu glauben. Draußen ist es nass, kalt und grau. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, dass sich jemand einen solchen Schlamassel bewusst ausgedacht haben soll. Regen im Winter, das bringt es ja wohl überhaupt nicht, da profitiert ja noch nicht mal irgendeine Vegetation. Wenn es aber doch einen Schöpfer geben sollte, so ist er wohl ziemlich launisch und liebt es, seine Aggressionen durch miese kleine Wetterattacken auf Menschen wie Marlen zu übertragen.
Natürlich muss Marlen ausgerechnet an Tagen wie diesen auswärtige Termine haben. Bevor sie das Haus verlässt, schaut sie noch kurz in den Briefkasten. Für einen kurzen Moment blitzt die Hoffnung auf, dass die Welt es doch noch gut mit ihr meinen könnte. Es ist ein Brief vom Finanzamt gekommen, der sicher die lang ersehnte Rückzahlung ankündigt. Marlen liest den Brief drei Mal durch, bevor sie realisiert, dass am Ende ein »zu zahlen« vor dem Betrag steht. Sie kramt ihr Handy heraus und ruft beim Finanzamt an.

»Ja, da müssen Sie mit ihren Belegen vorbei kommen, das können wir jetzt nicht so mal eben telefonisch erledigen.«

Marlen rennt die vier Stockwerke zurück nach oben. Dann halt noch kurz die Belege raussuchen...

Sie sucht ihren Ordner für offizielle Bescheide durch.

Sie sucht ihren Ordner mit Rechnungen durch.

Sie sucht ihren Ordner mit Verträgen durch.

Sie sucht all ihre Ordner durch, doch die Belege müssen ihr beim letzten Umzug abhanden gekommen sein.
Marlen hat, wie schon häufiger das Gefühl, im falschen Leben gelandet zu sein.
Von ihrem Termin unter Zeitdruck gesetzt, verschiebt sie die Fortführung der Suche auf später und rennt los. Die Straßen sind von Schneematsch bedeckt und innerhalb von kürzester Zeit sind ihre Füße in den dünnen Lederstiefeln durchgefroren.
Als sie am Bahnhof ankommt, hat sie die U-Bahn gerade eben verpasst. Um ihre Wartezeit zu verkürzen, kauft sie sich einen Café, den sie sich nur kurze Zeit später, von einem Mitreisenden angestoßen, über den Handschuh kippt. Wut kocht in ihr hoch. Doch ihr verspätetes »Pass doch auf« hohlt den Übeltäter nicht mehr ein.

Marlen quetscht sich durch einen Stacheldraht aus verschränkten Knien auf den letzten freien Platz in einer Vierergruppe. Sie schließt die Augen und versucht, sich ein wenig zu sammeln.

Marlen muss kurz eingenickt sein, denn sie schreckt davon hoch, dass laute, durchdringende Musik angeschaltet wird. Es ist eine blächerne und ausgesprochen wenig wohl klingende Version von »Oh when the saints...«. Von den beiden jungen Männern, die für diese Soundkulisse verantwortlich sind, beginnt einer zu singen, der andere setzt eine Melodika an die Lippen.
Marlen steht langsam und beherrscht auf. Der kleinere der Männer steht ihr am nächsten und wendet ihr den Rücken zu. Sie tippt ihm sachte auf die Schulter. Als er sich umdreht. streckt Lina sich in die Höhe und beißt ihm den Kopf ab. Sie öffnet das Fenster und spuckt den Kopf hinaus in den Regen. Auf dem Weg zu dem anderen Mann verpasst sie dem altmodischen Kassettenrekorder einen tödlichen Stoß mit dem Fuß. Der Melodikaspieler kommt gerade noch dazu, sich verdutzt nach Marlen umzublicken, bevor sie ihm das verhasste Ding vom Mund weg tritt. Scheppernd landet es auf dem von Schneematsch und Streusand vedreckten U-Bahnboden.
Marlen verpasst dem Mann eine gezielte Rechte, die ihn jedoch nur kurz taumeln lässt. Aus dem Augenwinkel sieht sie den kopflosen Körper des anderen mit ausgestreckten Armen auf sie zu taumeln. Sie setzt zum Sprung an und als der Mann nah genug heran gekommen ist, schnellt sie mit angezogenen Beinen in die Höhe. Kurz bevor ihr Kopf an die Decke stößt, lässt sie ihre Unterschenkel hervorklappen, sodass ihre Füße den Torso des einen auf Höhe des Brustbeins, den des anderen in die Magengegend treffen.

»Kellinghusenstraße«

Marlen fühlt sich angenehm leicht und beschwingt, als sie die beiden zu Boden gegangenen Männer links und rechts von sich liegen lässt und den Weg zu ihrem Termin wieder aufnimmt.


Ich muss mich für den leicht aggressiven Unterton meiner kleinen Geschichte entschuldigen, aber hätte Marlen die beiden Nervensägen nicht zur Strecke gebracht, hätte ich es wohl tun müssen und ich fürchte, das hätte ein noch größeres Schlamassel abgegeben. Und da wir uns sowieso grade über das Gute und das Böse unterhalten, kann uns diese Story vielleicht sogar noch zum Nachdenken anregen. Was meint ihr dazu?

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One Response to Aggressive Attac

  1. Ich finde du muss dich für den agressiven Unterton überhaupt nicht entschuldigen. Emotionen sind für Geschichten enorm wichtig - und die Situation, die du hier beschreibst - ich glaube jeder von uns kennt diese Augenblicke und würde sich gerne mal so benehmen wie Marlen! :)

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