In der Bibliothek

Heute werde ich kaum Zeit für Poetisierung haben. Den ganzen Tag muss ich eingepfercht wie in einen Kerker, in der Bibliothek sitzen. Über Berge theoretischer Werke gekrümmt, die Augen angestrengt und zunehmend müde, mich Zeile für Zeile durch das Wörtermeer hindurchkämpfend bis ich die totale Erschöpfung spüre. Trotzdem werde ich nicht so viel schaffen, wie ich mir vornehme. Das vom einzigen Fenster aus spärlich in den Büchersaal fallende Licht wird viel zu schnell schwinden. Vom eigenen Ehrgeiz an meinen Stuhl gefesselt harre ich dennoch aus. Die dicht stehenden, voll gestellten Regale scheinen irgendwann auf mich zuzurücken. Als hätten sie strenge Gesichter spüre ich bald Blicke in meinem Rücken, die mich zur Eile antreiben. Erlösung wird es erst geben, wenn der letzte Kommilitone gegangen ist, wenn ich Gewissheit habe, fleißig gewesen zu sein, fleißiger als alle Anderen. Gebeugt und erschöpft vom Tageswerk werde ich nach hause schleichen, ins Bett fallen in dem sicheren Wissen, dass sich morgen ein neuer Tag in der Bibliothek anschließt.

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